Startseite Gewässer Jugend Galerie Impressum

Ein Versuch mit Bachforelleneiern

12. November 2007

Samstag, 21.01.06

Schlechteste Wetterverhältnisse. Am Vortag Regen, heute noch zeitweise Regen und Schnee. Die gefühlte Temperatur liegt unter dem Gefrierpunkt. Das Wasser ist 30 cm höher als normal und trübe. Am ausgesuchten Platz ist der Gewässergrund nicht zu sehen. Egal, der Termin steht, die Eier sind so weit, es muss jetzt gehen!

Zehn Leute sind wir, davon zwei Jugendliche. Einige suchen Steine und Kies, andere bauen die WV-Boxen zusammen. In der Zwischenzeit werden die Forelleneier an die Wassertemperatur der Luhe gewöhnt. Nachdem die Eier in den Boxen verstaut sind, werden sie im Wasser postiert.

10 bis 15 “Tagesgrade” brauchen die Eier noch bis zum Schlüpfen. Zurzeit liegt die Wassertemperatur bei ca. 5 Grad, das heißt, die Fische sind in zwei bis drei Tagen geschlüpft.

Dienstag, 24.01.06

Erster Kontrollbesuch: Seit Sonntag Kälteeinbruch, tagsüber 10 Grad minus. Das Wasser hat sich beruhigt. Vor den Boxen muss noch Kies angehäuft werden, der liegt aber gefroren am Ufer. Kein passendes Werkzeug dabei… Bis nächstes mal wird es ausreichen.

Montag, 30.01.06

Zweiter Kontrollbesuch: Immer noch Temperaturen unter Null, zum Teil weit darunter. Die Wassertemperatur liegt auch nahe des Gefrierpunktes. Das ist schlecht, denn die Entwicklung der Eier hängt von der Wassertemperatur ab. Und je länger sie in den Boxen bleiben, desto höher ist die Gefahr, dass sich Pilze bilden und die Eier absterben.

Jetzt ist Werkzeug dabei, Steine werden zum Schutz vor zu hohem Strömungsdruck vor den Boxen aufgetürmt.

Samstag, 04.02.06

Die Wassertemperatur ist immer noch nicht angestiegen. Ich erwarte also nicht, dass alle Eier schon geschlüpft sind. Vielleicht ein paar…

Aber es hat sich noch gar nichts getan. Immerhin kann man das positiv sehen. Die Boxen sind noch in Ordnung, gut durchströmt, nennenswerte Sedimentablagerungen sind nicht zu bemerken. Die Anzahl der toten Eier ist immer noch gering, Verpilzungen sind nicht zu bemerken.

Samstag, 11.02.06

Wenn sich jetzt nichts getan hat, fange ich doch langsam an, unruhig zu werden. Das Wetter hat sich immer noch nicht geändert, die letzten Tage hat es geschneit und geregnet. Das Wasser ist höher und trübe, ich kann nicht viel sehen. Ich habe den Eindruck, dass einige Brütlinge geschlüpft sind und in den “Brütlingsabschnitt” der Boxen durchgefallen sind.

Samstag, 25.02.06

Die Boxen sehen von oben leer aus. Ich habe mir einen Spiegel mitgebracht, um von der Seite in den unteren Teil schauen zu können, aber auch hier ist nichts zu sehen. Sind die Boxen leer?

Kurz entschlossen werden zwei Boxen aus dem Wasser geholt: Leer. Wenige tote Eier, kaum Sand und keine Brütlinge.

In allen anderen Boxen das gleiche Bild: Ein paar tote Eier, wenig Sand. Lebendige Brütlinge sind insgesamt nur 8 Stück zu finden, kein einziges totes Tier.
Die geschlüpften Brütlinge haben sich schon so weit entwickelt, dass die Jungfische die Boxen verlassen haben. Das Experiment ist gelungen!

Hintergründe und Begriffe

WV-Boxen
WV-Boxen sind nach ihren Erfindern ‘Whitlock’ und ‘Vibert’ benannt. Diese Boxen bestehen aus gitterförmigem Hartplastik. Sie sind in zwei Kammern unterteilt, von denen die ‘obere’ bis zu 500 Forelleneier aufnimmt.

Wenn diese schlüpfen, fallen die Brütlinge in die zweite, größere Kammer durch. Hier verbleiben sie, bis ihr Dottersack aufgebraucht ist und sie sich auch unter natürlichen Umständen aus dem Kiesbett wühlen würden. Bis zu diesem Zeitpunkt sind sie vor Fressfeinden geschützt.

Vor- und Nachteile

Der Besatz mit Forelleneiern in Boxen hat mehrere Vorteile:
Die Tiere befinden sich von Anfang an in ihrem Heimatgewässer. Von der ersten Minute an gewöhnen sie sich an die Wasserbeschaffenheit, die zur Verfügung stehende Nahrung und die Umgebung.

Umgehung der “Futterdummheit”. Tiere, die es durch Fütterung nicht gewohnt sind, ihre Nahrung zu “Erjagen”, haben oft Anpassungsschwierigkeiten.

Bei Tieren, die die erste Zeit in reizarmer Umgebung (Bruthaus) zugebracht haben, sind die natürlichen Reflexe oft nicht sehr ausgeprägt. Auf Bedrohungen vom Ufer z.B. wird oft nicht angemessen oder nicht schnell genug reagiert. Auch dieses Phänomen wird hier umgangen.

Die Kosten liegen auch unter Anrechnung der Anschaffung für die WV-Boxen bei ca. einem Drittel der Kosten für vorgezogene Brütlinge.

Es gibt jedoch auch Nachteile:
Der Arbeitsaufwand zum befüllen und verankern der Boxen ist höher als der beim Ausbringen von Brütlingen.

Unter widrigen Umständen kann es zum Verlust der Eier oder sogar der Boxen kommen, z.B. durch Krankheiten, Versandung, großes Treibgut (Bäume, Eisgang) oder Vandalismus.

Die Methode lässt sich nur in Verbindung mit kiesigem Substrat sinnvoll verwenden. Entweder nutzt man Gewässerabschnitte, die flache Kiesabschnitte bieten, oder es muss zusätzlich Kies eingebracht werden. Brütlinge dagegen lassen sich auch in anderen Abschnitten ausbringen.

Die Methode, der Versuch

Die Bewirtschaftung von Fließgewässern mittels WV-Boxen ist eine Methode, die im Alpenraum stark verbreitet ist. In der norddeutschen Landschaft herrschen jedoch große Bedenken, da in unseren Gewässern andere Bedingungen und Beeinträchtigungen, wie z.B. Sandtrieb und hohe Eisenkonzentrationen, herrschen.

In der Wandse im Hamburger Bezirk Wandsbek und in verschiedenen Gewässern im Raum Celle sind jedoch sehr gute Erfahrungen gesammelt worden. Auch der Bergedorfer Anglerverein hat in einem Versuch an der Bille diese Methode verwendet und die geschlüpften Brütlinge haben die Boxen verlassen. Gründe genug, diese Methode auch an der Luhe auszuprobieren.

Um den Aufwand zukünftig möglichst gering halten zu können, experimentieren wir hier mit zwei verschiedenen Methoden der Verankerung von WV-Boxen:

Verpacken in Fahrradkörben.
Hier werden die befüllten Boxen in Fahrradkörben befestigt, diese mit Kies / Steinen aufgefüllt und mit Kaninchendraht verschlossen. Diese Methode schützt die Boxen sehr gut vor mechanischen Beschädigungen. Durch ihr hohes Eigengewicht ist z.B. eine weite Verdriftung durch Hochwasser oder nach einer Kollision mit Treibgut nicht möglich. Die Körbe bleiben in der Nähe liegen und können am Ende geborgen werden.

Der Nachteil dieser Methode ist, dass eine größere Menge Kies benötigt wird, der eventuell extra angefahren werden muss. In diesem Fall haben wir am Feldrand vorhandene Lesesteine verwendet.

Freie Boxen
Hierbei werden die Boxen frei im Wasser platziert, durch eine Konstruktion mit Heringen und Draht gegen Verdriftung gesichert, und mit Kies angehäuft. Geplant war, nach dem Vorbild natürlicher Laichgruben im vorhandenen Kiesbett Gruben zu schaffen und die Boxen mit dem so gewonnenen Material anzuhäufen. Dieses Vorgehen konnten wir allerdings nicht verwirklichen, da dass Wasser dermaßen Trübe war, das wir das Kiesbett nicht sehen konnten.

Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass kein zusätzliches Material herbeigeschafft werden muss.

Der Nachteil ist die große Anfälligkeit gegenüber mechanischen Beschädigungen, wie sie z.B. durch Wassersportler entstehen können. Hier muss also sehr viel Sorgfalt auf die Auswahl des Platzes gelegt werden.

Das Ergebnis

4000 Eier haben wir in WV-Boxen eingebracht, nach meiner sehr großzügigen überschlägigen Zählung sind etwa 400 Eier abgestorben. Trotz der relativ widrigen Verhältnisse und unseren Mangels an Erfahrung haben sich also 90% der Eier zu Jungfischen entwickelt, die die Boxen verlassen haben. Im Spätsommer werden wir kontrollieren, wie viele der Jungfische sich noch in diesem Gewässerabschnitt aufhalten und wie sie sich entwickelt haben.

Eine erweiterte Fortsetzung dieses Versuches ist für die nächste Saison in Planung.

Eisen / Eisenocker
Eisen ist oft in einer speziellen Form im Sediment unserer Feuchtgebiete gelöst. Es kommt dort häufig in einer so hohen Konzentration vor, dass es seit der Eisenzeit als “Raseneisenerz” abgestochen und in Schmelzöfen zu schmiedefähigem Eisen weiterverarbeitet werden konnte.

Durch die Trockenlegung der Feuchtgebiete, auch der Flußauen, und dem damit verbundenen Eintritt von Sauerstoff in den Boden, oxidiert es und wird bei Regen über die Drainagen in unsere Fließgewässer eingetragen.

Hier hat dieses Eisen, manchmal an einer intensiven Rostfärbung des Wassers und des Sedimentes (Eisenocker) erkennbar, vor allem zwei negative Auswirkungen:

Ausgefälltes Eisen (Eisenocker) setzt sich in den Lücken im Kiesbett fest und verstopft diese. Die Auswirkungen sind ähnlich wie bei der Abdeckung mit Treibsand: Eine Sauerstoffversorgung im Lückensystem findet nicht mehr statt, weder die Kleinlebewesen (Makrozoobenthos) noch die Eier von Kieslaichern können sich hier entwickeln.

Das Eisen selbst verätzt die Kiemen von Kleinlebewesen und Fischen. Deren Widerstandskraft (Kondition) sinkt dadurch, die Tiere werden anfällig gegen Krankheiten und Stress. Fischeier können sich nicht entwickeln, da sie in der ersten Entwicklungsphase sehr anfällig sind. In vielen Gewässern ist hierdurch die natürliche Reproduktion stark eingeschränkt oder unterbleibt sogar ganz.

Einige dieser Beeinträchtigungen können wir mit der “Boxenmethode” umgehen, da das Eisen die Öffnungen hier nicht zusetzen und die Sauerstoffversorgung beeinträchtigen kann.

Außerdem nutzen wir vorgebrütete Eier, hier kann die Eientwicklung durch die ätzende Einwirkung des Eisens nicht mehr unterbunden werden.

Tagesgrade
Salmonideneier reifen in Abhängigkeit von der Wassertemperatur. Daher nutzt man den Begriff Tagesgrade. Mit ihnen lässt sich der Zeitpunkt des Schlüpfens abschätzen. Die Anzahl der benötigten Tagesgrade ist das Produkt aus der Wassertemperatur und der Anzahl der Tage. Braucht ein Ei z.B. 350 Tagesgrade, so sind diese bei einer Wassertemperatur von 10 Grad C in 35 Tagen erreicht, bei 8 Grad C brauchen die Eier ca. 44 Tage

Dottersack
Nahrungsvorrat, den der Jungfisch beim Schlüpfen aus dem Ei bei sich trägt. Er wird in einigen Tagen aufgebraucht. Erst dann wühlt sich der Jungfisch aus dem Kies frei und schwimmt selbsttätig.

Kategorien: Gewässerpflege, Luhe